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| Don Juan de La Mancha oder Die Erziehung der Lust: Roman
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Balanceakt auf der Scoville-Skala
• • • • • (bewertet mit 3 von 5 Punkten)
Alles begann mit der Chili-Schote. Aus Mittel- und Südamerika suchte sie sich den Weg nach Spanien. Conquistadores haben sie mitgebracht. In Spanien fanden zwei der bekanntesten Don wohl Geschmack an dem scharfen Gemüse: Don Größter-Liebhaber-Aller-Zeiten und Don Ritter-Von-Der-Traurigen-Gestalt. Einen Abkömmling der beiden mit Namen "Don Juan de la Mancha" verschlugen die Wirren der Zeit auf der alten Habsburger Achse Madrid-Wien, so scheint's, in die Hauptstadt Österreichs. Ein Nachfahre dessen, inzwischen mit dem bürgerlichen Namen Nathan durch die Geschichte lustwandelnd, nach wie vor bestens auf Chili geeicht, ist Protagonist und Leidtragender der Chili-Episode in Robert Menasses Weibergeschichten.
Denn wozu Chili-Schoten zu gebrauchen sind, wofür sie alles herhalten müssen, in grenzenloser Phantasie lustbaren Einbezugs in sexuelle Genüsse - grenzenlos, doch grenzwertig - Autsch! -, das beschreibt die unerschöpfliche Phantasie des Autors Menasse, bzw. die seiner Schöpfung Christa, eine der vielen auf der Liste, eine der vielen der vorliegenden Frauensammlung. Autsch! - Banane war gestern! Heute ist Chili!
Eine der vielen auf der Liste ..., einer Liste, die dem Buch nicht beiliegt. [Den Überblick zu behalten, wäre die Auflistung der schier endlosen Dämlichkeiten - Helga, Barbara, Anna, Martina, Alica, Uschi und, und, und ... -, zum Beispiel auf einem beiliegenden Lesezeichen (wie vom Rezensenten an anderer Stelle schon mal gesehen) sicherlich eine kleine Hilfe.]
Mit "Don Juan de la Mancha" begibt sich Robert Menasse auf die Spuren von Matthias Polityckis Weiberroman. Gleiches Zeitkolorit, teilweise selbiges Lokalkolorit, doch deutlich akzentuierter als Polityckis Meisterstück aus dem Jahre 1997.
Es ist die Zeit der Zeit nach der Zeit, als die Befreiung durch die sexuelle Revolution der letzten sechziger und siebziger Jahre begann in ruhigeres Fahrwasser zu fließen. Doch Ruhe gab es trotzdem keine. "Die erste Regel: Man kann nur mit der ersten Frau oder mit der letzten glücklich werden. Verstehst du? / Nein, sagte ich." Nathan, auf der Suche nach dem Glück. Weder merkt er es, noch weiß er davon. "Für das Glück, das man nicht hat, gibt es viele Metaphern. Zum Beispiel Trauben."
Trauben ersetzen Chili-Schoten. Alice ersetzt Christa. Wäre da nicht noch Menasse und der vorliegende Roman, im Buch Dr. Hannah Singer genannt. Dr. Singer ist die Therapeutin des Ich-Erzählers Nathan. "Als ich jung war, war das Glück alt. In der Werbung gab es nur Alte. (...) 'Das war einen Asbach Uralt wert!'"
Trauben ersetzen Chili-Schoten. "Sage nie zu einem Obst, dass du Obst liebst! Jedes Obst ist ein Feind des Begriffs 'Obst'."
Erneuter Versuch, die Handlung zusammenzufassen. Es geht um einen Kerl, in Wien, ein Möchtegern von trauriger Gestalt, ein Wunschkandidat seiner selbst, im Strom mit wechselnden Fließrichtungen, mal auf dieser Insel, mal auf jener Insel angelandet, gestrandet, verweilt und weitergezogen. Auch schon mal verheiratet gewesen. Ein kleiner Höhepunkt voll Witz und Ironie: die Standesamtsszene. "Können Sie die Frage bitte wiederholen?, sagte ich. / Das Raunen im Publikum. Der erschrockene Schrei meiner Mutter. Das kurze Auflachen meines Vaters. Das unendliche Staunen in Martinas Augen."
"Wir sind im Kino gewesen." Es muss nicht immer Chili sein. Fellinis Casanova. Casanova!, noch so ein Don Juan. "In Casanovas Sexualverhalten kündigte sich bereits die Fabrikdisziplin an, letztlich der Taylorismus, und damit der definitiv ökonomische Sieg des Bürgertums über die alten Produktionsweisen." Die Wirtschaftstheorien im Sinn, Ahnungen von Krisen und von Blasen. Geplatzte Träume auf Konten und in Betten. "(...) ich hatte schlicht nicht gewusst, dass es Kirschen gab, wenn es eigentlich noch keine gab." So kann man's auch sagen.
Weiter geht's im Spiel des Lebens. Betty, wer war denn gleich Betty? Margit Reiter, Steffi Slama, Dominika Nosseck. - Madame Piroska. Liselotte Pulver fiel mit dabei ein. Ich denke oft an Piroschka.
Weiter geht's im Spiel des Lebens. Scheidung. "Die Frage war nur: Wie kam ich aus dieser Ehe raus, ohne schuld zu sein." Wien, Wien nur Du allein. Grüß mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien. "Die lustigen Weiber von Wien. / Wie lustig sie waren (...)" Und üppig? Ja, üppig waren sie auch. Sind sie's noch heute. "Der Korridor wurde allgemein 'die Milchstraße' genannt, auch und nicht zuletzt wegen des enormen Busens von Madame Piroska." Oh ja!, "die junge Wirtin Frau Uschi. (...) / Uschi trug einen BH, der ihren Busen hochdrückte und aus dem Ausschnitt ihrer Weißen Bluse hervorquellen ließ."
Menasses Literaturempfehlungen wären noch wichtig zu erwähnen. Neben Juan und Alonso Quijano wäre da auch Peter Handke. "Ich liebte damals Peter Handke, (...). Seltsam, dass ich sagen konnte: Ich liebe Peter Handke, aber mich schwer tat zu sagen: Ich liebe Helga." Bücher haben's Nathan - auf recht unterschiedliche Weisen - angetan. "Bei jedem Buch, das ich aufschlug, hatte ich schon nach dem ersten Satz genug. (...) Ich lernte alle ersten Sätze der Bücher auswendig, (...). Mein Favorit war der Anfang von Robert Walsers Räuberroman, 'Edith liebt ihn. Hiervon nachher mehr.'"
Brecht und seine bettgeselligen Theaterideen. Walsers Augenblick der Liebe. Das Landleben von John Updike. Und Philip Roth, der Jedermann unter so vielen Altmännerliteraten.
Ein breites Spektrum gilt es abzutragen. Geografisch von der Cinque-Terre, über die Gundel-Palatschinken Budapests, bis nach Paris. "Eine Pariserin mit einem Pudel ist schick, eine Wienerin mit einem Dackel ein Elend. Und die Boulevards! Welch Genuss, in eine Stadt zu kommen, in der 'Boulevard' nicht das Synonym für ressentimentgeladene Zeitungen ist, sondern das Reich des Flaneurs!"
Die süßen Frauen im schönen Wien. Die Süße der Sachertorte. Sahne in der Melange. Zucker im Kaffee. Dulcinea. I see heaven when I see you, Dulcinea. Doch das Ende ohne Ende. "Du hast einen anderen!" Sagt's: "Jeder ist ein anderer."
Eine Rezension von Helmut Schmid "RheinNeckarPoet" > Ketsch
vom 30. September 2009 | | |
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