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Wir sind Gott!
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung: Frankfurter Poetikvorlesungen (edition suhrkamp) (Taschenbuch) Schon der bis zum Schluss berstend volle Vorlesungssaal in der Frankfurter Uni dokumentierte das große Interesse an diesem "Aufklärer" alter Tradition. Bis zum Ende der fünf Sitzungen wurde der Zuhörer immer wieder mit rhetorischen Ohrfeigen aus dem intellektuellen Wachkoma gerissen, bisweilen eingelullt, an der Nase herumgeführt und ob der eigenen Trägheit und Manipulierbarkeit beschämt. Gemäß dem Tucholskyschen Verdikt, nichts sei schwieriger, als sich im offenen Widerspruch zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen "Nein", entwickelte Menasse eine hochaktuelle, provokante Wiederauferstehung der engagierten Literatur, auf der Folie, dass sich jede Literatur an dem Anspruch zu messen habe, was sie zur gesellschaftlichen Realität ihrer Zeit beizutragen hat. Fast geht es weniger um den im Titel hergestellten Bezug zu Schopenhauer, als vielmehr um bewusst "Unzeitgemäße Betrachtungen". Literatur- und Philosophiegeschichte wird gegen den Strich gebürstet und auf ihren politisch-sozialen Gehalt abgeklopft: am Ende steht plötzlich ein zerzauster Karl Marx mit seinem "Kapital" als bürgerlicher Bildungsroman, der die heutigen katastrophalen Zustände einer globalisierten Welt besser beschreibt, als was uns die Huntington oder Fukujama weiszumachen versuchen. Und so schließt Menasse, dass Politik nichts anderes heiße, als richtiges Handeln in der Polis, und Poetik nichts anderes, als Selbsterfindung. Wir sind Schöpfer unserer Lebensrealität, wir sind nicht Papst, wir sind Gott!
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. Mai 2006 |